5. Baustammtisch

Die Erde wird immer wärmer. Das führt zu stärkeren und häufigeren Extremwetter-Ereignissen. Damit Gebäude weiterhin Schutz und Sicherheit bieten, müssen ihre Hüllen widerstandsfähiger werden. Aber wie kann die Resilienz von Fassade, Dach, Keller Baumaterialien gestärkt werden? Die Expertin und Experten der Diskussionsrunde des 5. Baustammtisches gingen am 11. Mai 2023 dieser und weiteren Fragen nach.

Thomas Pöll, Chefredakteur, SOLID – Wirtschaft & Technik am Bau, moderierte das spannende Gespräch unter dem Titel „Wie kann die Gebäudehülle dem Klimawandel standhalten?“.

Mit am Podium: Markus Atzwanger, Teamleiter Systementwicklung, Swisspearl Österreich GmbH, Marc Höhne, Geschäftsführer, Delta Projektconsult GmbH, Werner Linhart, gerichtlich beeideter Sachverständiger, Doris Österreicher, Privatdozentin, Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung, Universität für Bodenkultur Wien und Partnerin bei Treberspurg & Partner Architekten, Sandro Oswald, Stadtklimatologe, GeoSphere Austria (ehemals ZAMG) und Engelbert Schrempf, Geschäftsführer, Holzbau Austria und Landesinnungsmeister Stv. Holzbau Steiermark.

Gebäudehüllen an ihrer Belastungsgrenze?

Stadtklimatologe Sandro Oswald beschrieb die aktuellen Klimaentwicklungen und -prognosen sehr anschaulich: „Extremereignisse, die früher einmal pro Jahr passiert sind, passieren jetzt drei Mal. Bis 2050 rechnen wir damit, dass es fünf Ereignisse im selben Zeitraum sein werden. Dürre, Starkregen oder Hagel werden extremer ausfallen, weil sich immer mehr Energie an einer Stelle entlädt.“

Das wusste Markus Atzwanger aus Erfahrung zu bestätigen: „Dass die Hagelschäden in Oberösterreich deutlich zugenommen haben, ist deutlich sichtbar.“ Für ihn sind Baunormen eine wichtige Voraussetzung, um diesen Trend beziffern zu können und mit neuen Belastungsstandards zu begegnen. Allerdings: „Geht es um Hagel, sind die Bauprodukte schon jetzt an ihrer Belastungsgrenze. Da gibt es keinen Puffer mehr für höhere Sicherheitswerte.“

Hagelkörner mit sieben Zentimeter Durchmesser und einer Fallgeschwindigkeit von 130 km/h sind mittlerweile durchaus realistisch. Da bleibt kein Dachziegel unversehrt. Grün- und Kiesdächer zeigen bis dato die besten Werte bei Hagel, waren sich die Experten einig.

Engelbert Schrempf ergänzte: „Seit 2022 gibt es zur Berechnung der Tragstrukturen eine neue Schwerlastnorm und die Schwerlastkarte wurde aktualisiert. Bei der Datenauswertung hat sich gezeigt, dass die Schneemenge insgesamt abgenommen hat, der Schnee aber innerhalb kurzer Zeit kommt und die Dächer geballt belastet.“

Auch die Windlasten steigen dramatisch. „Kleinräumige Tornados, wie kürzlich im Waldviertel, werden keine Seltenheit bleiben“, bestätigte Sandro Oswald. Die gute Nachricht: Was Wind- und Hochwasserschutz betrifft, sehen alle am Panel sowohl bei den Produkten und bestehenden Bauteilen als auch in der Planung noch viele Möglichkeiten, um die Resilienz von Gebäudehüllen zu stärken.

Umdenken findet statt

Werner Linhart: „Wir müssen bei der Planung und Konstruktion vorausdenken, damit Häuser noch in fünfzig Jahren nutzbar sind. Bestandsgebäude sind ein schwieriges Thema. Aber auch hier haben wir Möglichkeiten, Bauteile und Baukörper zu ertüchtigen.“

Auch für Doris Österreicher muss die Bauwirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig planen. „Dazu zählen auch Themen, wie die Energieversorgung von Gebäuden und der Bodenverbrauch.“ Zur Energieversorgung werde die Gebäudehülle künftig noch viel mehr beitragen. Damit Starkregen abfließen kann, sei Bodenversiegelung unbedingt zu reduzieren.

Marc Höhne sieht bei den Entwicklerinnen und Eigentümern sowie Investorinnen und Investoren einen gewissen Trend zur Rückkehr des Fokus auf die Immobilie als Gebäude und weniger als Geldanlage. Allerdings sei der Leidensdruck derzeit „wahrscheinlich noch nicht groß genug“. Vor allem beim Bestand seien viele Eigentümerinnen und Investoren noch zögerlich, wenn es um Investitionen in eine klimafitte Sanierung geht.

Was müssen Gebäudehüllen können?

Gegen Überhitzung sind Gründächer, ebenso wie helle Dächer und Fassaden effektiv. Da waren sich alle einig. Unbedingt von Anfang an zu bedenken seien die Bewässerung und Pflege der Pflanzen von begrünten Bauwerken. „So wie sich mehrere Gebäude zu kleinen Energienetzen zusammenschließen lassen, ist das auch mit Wasserspeichern möglich. Dafür braucht es eine innovative und integrative Quartiersentwicklung“, so Doris Österreicher.

Engelbert Schrempf: „Für das individuelle Gebäude wird es sinnvoll sein, die Hülle von der tragenden Struktur zu trennen und mit einem Unterdach auszustatten. Die verschiedenen Schichten müssen dann zur Wartung und Instandhaltung gut zugänglich sein.“ Auch Vordächer und eine Abkehr von Flachdächern führte Schrempf als geeignete Konsequenzen auf zunehmende Starkregenereignisse und Schneelasten an.

Werner Linhart zeigte sich ebenfalls überzeugt von einer „Verschleißschicht als Reserveebene“. So eine zweite, redundante Ebene könne im Falle schwerer Schäden den Kern so lange schützen, bis alle Reparaturen abgeschlossen sind. „Die Alternative wären Betonbunker, wenn man langfristig keinen Totalschaden riskieren will.“ Die Resilienz von Gebäudehüllen sollte auch von der Nutzung abhängig gemacht werden. Schließlich mache es einen Unterschied, ob Autos in einer Halle geschützt werden müssen, oder Leib und Leben.

 

Viele Bausteine für individuelle Lösungen

Insgesamt war sich das Panel einig, dass es viele Ideen und individuelle Lösungen braucht, damit Gebäudehüllen dem Klimawandel standhalten. Energieverschwendende Glasflächen als ästhetisches Mittel ohne Mehrwert sind definitiv out, ebenso wie Fassaden in dunklem Anthrazit, das sich stark aufheizt.

Hybride Bauweisen, innovative Baustoffe und smarte Konstruktionen sowie die kluge Quartiersentwicklung und effektive Standortwahl sind dagegen wichtige Bausteine, damit uns Gebäude auch künftig vor Wind und Wetter schützen können.

 

Mehr zum Thema

 

Mehr zum Dialogforum Bau Österreich

www.dialogforumbau.at