Risikomanagement in der Schweiz

Erstmals implementierte eine Regierung ein komplettes Risikomanagementsystem. Die Grundlagen dafür wurden bei Austrian Standards entwickelt – die ON-Regeln der Reihe ONR 49000.

Wien (AS prm, 2010-12-16)

Am 24. September 2010 gab die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard die Implementierung eines Risikomanagementsystems auf Basis des in Österreich entwickelten Regelwerks ONR 49000 bekannt.

Das Regelwerk, das weltweit als "State of the Art" gilt, fasst alle notwendigen Prozesse und Schritte zusammen, die für die Einführung und praktische Umsetzung eines umfassenden Risikomanagements notwendig sind – von der Risikoerkennung bis zur Ausbildung hochqualifizierter Risikomanager und Risikomanagerinnen. An seiner Entstehung haben seit 2004 unter österreichischer Federführung mehr als 100 Experten und Expertinnen aus nahezu 50 Nationen mitgewirkt.

Für den Schweizer Unternehmensberater und Risikomanager Dr. Bruno Brühwiler, der maßgeblich in die Entwicklung eingebunden war, stellt die ONR 49000 ein wesentliches Steuerungskonzept für verantwortungsvolle Unternehmensführung dar. Basierend auf einem Top-Down-Ansatz, der aus der Perspektive der Unternehmensführung heraus startet, trägt es dazu bei, Unsicherheiten in Entscheidungen zu beseitigen, Informationslücken zu schließen und Komplexität besser zu meistern. Allein durch die Fragestellung "Was kann schiefgehen?" werden neue Denkprozesse in Gang gesetzt, die auch die strategischen Zielsetzungen in ihrer Gesamtheit unterstützen.

Schweiz: Risikopolitik bringt Sicherheit

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Credit: AS prm

Die Schweizer Bundesregierung, die bereits seit 2004 Risikomanagement betreibt, suchte ein geeignetes System, das den gewachsenen Anforderungen standhalten kann. Fündig wurden die Schweizer in Österreich. "Die ONR 49000 ist für uns eine wertvolle Leitplanke, wir müssen die Themen nicht neu erfinden", umreißt Nicole Heynen, die das Risikomanagement der Schweizer Bundesregierung koordiniert, den großen Vorteil des Systems, das nun sukzessive in der Bundeskanzlei, den sieben Departementen, die in etwa unseren Ministerien entsprechen, und den rund 60 Bundesämtern eingeführt wird.

Als Projektverantwortliche trägt Nicole Heynen die Risikoergebnisse der Departemente zusammen und bereitet diese in Form eines Reportings für die Bundesregierung auf. Herausgefiltert werden jeweils die größten Risikoszenarien pro Departement, die intensiv diskutiert werden und die Basis für Programme zur Risikovermeidung bilden. "Risikomanagement ist eine Daueraufgabe, die alle betrifft und von allen permanent wahrgenommen wird", bringt Heynen das Wesen des Risikomanagements auf den Punkt. Im Fall der Schweiz betrifft das insgesamt 36.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bundes.

Bis dato wurden 30 Risikomanager und Risikomanagerinnen ausgebildet, für 2011 sind weitere Schulungen in allen sieben Departementen fixiert. Risikoexperte Bruno Brühwiler, der die Schulungen vor Ort durchführt: "Wir orientieren uns dabei an Zielsetzungen der Verwaltung und versuchen, konkrete Risiken greifbar zu machen. Durch das Erstellen von Szenarien, bei denen zehn bis fünfzehn Jahre vorausgedacht wird, antizipieren wir die Sicht aus unterschiedlichen Perspektiven und analysieren, was im besten bzw. im schlimmsten Fall passieren könnte."

Nicht ganz einfach in der Implementierungsphase war es für Nicole Heynen, einen Konsens zwischen den verschiedenen Departementen zu erarbeiten. Heynen: "Da Risikomanagement keine genaue Wissenschaft ist, hatte jede Ansicht ihre Berechtigung." Jetzt, nachdem die Risikopolitik offiziell ist, liegt die Herausforderung vor allem in der Umsetzung und dem damit verbundenen Kulturwandel in Bezug auf den Umgang mit Risiken.

"Wir wollen keine Verpflichtung, sondern ein Commitment aller Departemente erreichen", so die Risikomanagerin des Bundes. Dieses ist bei einigen bereits voll gegeben, während andere Departemente dem Thema noch keine große Priorität einräumen. "Es ist aber besonders wichtig, auch politische und strategische Risiken dingfest zu machen", so Heynen.

Ultimatives Ziel ist es, durch die einheitliche Methodik und Systematik, die die ONR 49000 ermöglicht, die wesentlichen Risiken pro Verwaltungseinheit, pro Departement sowie für den Gesamtbundesrat darzustellen und eine dementsprechende Konsolidierung zuzulassen.  

Bei Austrian Standards, wo insgesamt 123 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen damit beschäftigt sind, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Verbraucher bei der Erarbeitung und Implementierung von Standards zu unterstützen, wurden auf Basis dieses Regelwerks in den letzten Jahren mehr als 900 Risikomanager und Risikomanagerinnen ausgebildet. Sie kommen aus allen Bereichen – von Banken über Krankenhäuser bis zu Energie- und Automobilwirtschaft –, wobei sich die Bandbreite vom heimischen KMU zum weltweit agierenden Konzern erstreckt.

"Für Anfang 2011 erwarten wir den tausendsten Risikomanager", zeigt sich Bruno Brühwiler überaus zufrieden, "damit bekommen wir eine Breitenwirkung mit unglaublicher Erfahrensbasis."

Dass die Schweizer Regierung die ONR 49000 übernommen hat, sieht Brühwiler als wichtiges Signal mit Vorbildwirkung. Er hofft, dass viele Unternehmer und öffentliche Stellen sich daran orientieren. Brühwiler: "Risikomanagement nach ONR 49000 als Unternehmenssteuerungskonzept ist wenig spektakulär, dafür aber umso nachhaltiger."

Über die Umsetzung des bei Austrian Standards entwickelten Regelwerks in die politische Praxis der Schweizer Bundesregierung ist auch Austrian-Standards-Geschäftsführer Ing. Dr. Gerhard Hartmann sehr erfreut: "Das ist eine wirkliche Anerkennung der Arbeit, die bei uns geleistet wurde. Als man damit begonnen hat, gab es durchaus skeptische Stimmen, die die Notwendigkeit eines solchen Regelwerks in Frage stellten. Mit der Ausbildung der Risikomanager auf einer allgemein akzeptierten und im Konsens aller Beteiligten erarbeiteten Grundlage – und jetzt natürlich durch die erstmalige Implementierung durch die Schweizer Regierung – zeigt sich, dass der eingeschlagene Weg richtig war."

"Die Vision hat sich außergewöhnlich gut entwickelt", so Brühwiler abschließend, "und Austrian Standards hat damit internationale Maßstäbe gesetzt, die weltweit angenommen werden." Und auch Nicole Heynen ist zuversichtlich, dass die ONR 49000 die optimale Lösung ist: "Erste Ergebnisse sind frühestens in zwei bis drei Jahren zu erwarten, aber schon jetzt merken wir, dass der Kulturwandel stattfindet."