Ihr Auftrag: Sauberes Wasser

Regina Sommer hat nationale und Internationale Standards mitentwickelt, die weltweit angewendet werden. Eine ÖNORM hat der französische Gesetzgeber verbindlich erklärt.

ao. Univ.Prof. Dipl-Ing. Dr. Regina Sommer
ao. Univ.Prof. Dipl-Ing. Dr. Regina Sommer

Regina Sommer ist FEMtech-Expertin des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie des Monats August 2013. Eine interdisziplinär besetzte, unabhängige Jury aus hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, der Wissenschaft und des Personalmanagements hat Regina Sommer diesen Titel zuerkannt. Der heiße August war ein passendes Datum, weil sich Regina Sommer beruflich auch mit dem Thema "Baden" auseinandersetzt. Und zwar von Whirlwannen bis zum Erlebnis-Schwimmbad. Die gelernte Lebensmittel- und Biotechnologin ist "die" Hygieneexpertin zum Thema Wasser.

Die international gefragte Wissenschafterin leitet die akkreditierte Prüf- und Inspektionsstelle Hygiene Wien am Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie an der Medizinischen Universität Wien, ist Vorsitzende der Codex-Kommission "Trinkwasser", Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin, Co-Leiterin des Interuniversitären Kooperationszentrums für Wasser und Gesundheit ICC Water and Health (eine Kooperation zwischen Medizinischer Universität Wien und Technischer Universität Wien) und ist nicht zuletzt Mitglied des Präsidialrats bei Austrian Standards.

Trotz des damit verbundenen zeitlichen Aufwands: Für ihre Studierenden nimmt sie sich Zeit. Das durfte der Autor selbst erleben. Eine Diplomprüfung verzögerte das geplante Interview mit der Hygieneexpertin. Der Prüfling - ein sichtlich nervös wirkender junger Mann - hatte seine Arbeit einer Jury erläutert, der auch Regina Sommer angehörte, und wartete am Gang des Instituts auf das Ergebnis der Juryberatung. Die Tür der Entscheidung öffnete sich, Regina Sommer bat den Prüfling zu einer abschließenden Fragerunde und voilà, die Medizin hat seitdem einen Akademiker mehr.

Krankheitserreger baden mit

Fix ist: Regina Sommer mag kein verunreinigtes Wasser. Weder Trink- noch Badewasser. Diesen Kampf gegen verschmutztes Wasser hat die 1999 an der Medizinischen Universität Wien für dieses Fach habilitierte Wissenschafterin zu ihrer Berufung gemacht. Baden viele Menschen gemeinsam in einem Becken, dann baden auch ihre Krankheitserreger mit. Ohne Gegenmaßnahmen würden diese Bakterien, Viren und Parasiten die Badenden infizieren. Fix ist auch: Regina Sommer weiß, was man dagegen tun kann. "Bei Beckenbädern heißt das Allzweckmittel zur Desinfektion immer noch Chlor", ist sie überzeugt. Das Wasser aus dem Badebbecken wird, angetrieben durch eine Umwälzpumpe in die Aufbereitungsanlage geleitet, die Schmutzstoffe werden dort geflockt – also zu größeren Schmutzpartikeln verbunden – und durch einen Filter aus dem Wasser entfernt. Schließlich wird dem Wasser eine kleine Menge Chlor zugesetzt und wieder ins Schwimmbecken zurückgeführt. "Chlor ist für Badebeckenwasser das wirksamste Desinfektionsmittel und inaktiviert Mikroorganismen  zuverlässig", weiß Regina Sommer. Wichtig ist zu wissen, dass der für die Badenden so unangenehme Geruch durch Chlor nur dann entsteht, wenn die Reinigung des Badewassers unzureichend ist und die Schmutzstoffe sich mit dem Chlor verbinden.

"gemäß ÖNORM angewendet"

Wissenschafterin und Lehrerin: Regina Sommer beim Lehrgang Trinkwasserhygiene bei Austrian Standards
Wissenschafterin und Lehrerin: Regina Sommer beim Lehrgang Trinkwasserhygiene bei Austrian Standards

Aber wie desinfiziert man Trinkwasser? Doch wohl nicht mit Chlor, das würde ja dann niemand trinken wollen. "Gute Frage", meint Regina Sommer. "Trinkwasser wird bei uns in Österreich hauptsächlich mit UV-Strahlen desinfiziert." In Österreich ist Trinkwasser als "Lebensmittel" eingestuft. Entsprechend streng sind die gesetzlichen Vorgaben. Vor allem Pestizide, Nitrat und Düngemittel sowie der Eintrag von Krankheitserregern nach Überschwemmungen stellen hier das größte Problem dar. In Österreich verwenden die kommunalen Wasserversorger überwiegend UV-Bestrahlung, wenn es notwendig ist, das Trinkwasser zu desinfizieren. Dass diese Technologie zuverlässig für die Trinkwasserdesinfektion eingesetzt werden kann, ist nicht zuletzt den Arbeiten der UV-Forschungskooperation "UV-Team Austria" um Regina Sommer zu verdanken (Medizinische Universität Wien; Veterinärmedizinische Universität Wien, Dipl.-Ing. Alexander Cabaj und Dr. Alois Schmalwieser; Austrian Institute of Technology, Ing. Georg Hirschmann). Das Prinzip ist einfach. Das Trinkwasser fließt in einer Bestrahlungskammer an UV-Strahlern vorbei und in einem Bruchteil einer Sekunde werden die Mikroorganismen inaktiviert und sind nicht mehr in der Lage sich zu vermehren und den Menschen zu infizieren. "Der große Vorteil der UV-Bestrahlung ist, dass alle Krankheitserreger, also Bakterien, Viren aber auch die sehr widerstandsfähigen Parasiten zuverlässig inaktiviert werden." Und wie genau funktioniert das? "Die UV-Strahlung schädigt die Erbinformationen der Mikroorganismen, so wird ihre Vermehrung unterbunden und die Krankheitserreger können den Menschen nicht mehr infizieren", erklärt die Hygieneexpertin. Zusatz: "UV-Strahlung ist außerdem geschmacksneutral, weil sie – gemäß ÖNORM angewendet – die Inhaltsstoffe des Wassers nicht verändert. Chlor hingegen ist "dümmer", es unterscheidet nicht zwischen Mikroorganismen und Wasserinhaltsstoffen. Dadurch können gesundheitsschädliche Nebenprodukte entstehen."

Ja, aber warum dann nicht einfach die UV-Strahlung auch im Schwimmbad einsetzen? "Raten sie einmal, warum nicht", meint Regina Sommer. Und richtig: Um die von den Badegästen in das Badebecken eingebrachten Krankheitserreger zu inaktivieren, müsste man das Badewasser im Becken und damit die Menschen bestrahlen. Es liegt auf der Hand, dass dies gesundheitsschädlich ist. Deshalb greifen die Bäderbetreiber auf das gute alte Chlor zurück, das im Badewasser seine Wirkung entfaltet. Die Bäderhygieneverordnung definiert die Anforderungen an das Badewasser und die zulässigen Aufbereitungsverfahren, die anlagentechnische Ausführung ist in den einschlägigen ÖNORMEN abgehandelt.

In Frankreich verbindlich

Zurück zur UV-Desinfektion von Trinkwasser. Dort taucht ein technisches Problem auf, das die Überprüfung der Wirksamkeit der Desinfektion betrifft. Es ist nämlich gar nicht so leicht, das gesamte durchströmende Wasser ausreichend zu bestrahlen. Versuche mit gefärbtem Wasser zeigten, dass das Wasser die Bestrahlungskammer nicht gleichmäßig durchfließt, sondern Verteilungsmuster erzeugt. Regina Sommer hat mit dem UV-Team Austria ein Prüfverfahren für UV-Desinfektionsanlagen entwickelt und ein Bakterium gefunden, mit dessen Sporen die Desinfektionsleistung jeder UV-Anlage zuverlässig gemessen werden kann. Das war nicht einfach, vielleicht deshalb der Bakterienname "Bacillus subtilis"?
Nicht zuletzt wegen der profunden Arbeit von Regina Sommer ist Österreich das einzige Land der EU, das über eine entsprechende nationale Norm verfügt. Die ÖNORM M 5873 – mit vollem Titel "Anlagen zur Desinfektion von Wasser mittels Ultraviolett-Strahlen – Anforderungen und Prüfung" (Teile 1 und 2) ist die Grundlage für eine Qualitätsmarke der "Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach" (ÖVGW) und für das Zertifikat von Austrian Standards. Bei diesen zertifizierten Anlagen kann man sich darauf verlassen, dass sie eine vollständige Desinfektionsleistung aufbringen.
Diese ÖNORM hat übrigens das getan, was Regina Sommer bei Mikroorganismen in Schwimmbädern vermeiden will: Sie hat sich vermehrt. Ins Englische übersetzt, wurde sie in vielen Staaten der Welt übernommen. Ein echter Qualitätsbeweis für diese Norm, schließlich nehmen sich diese Länder das österreichische Beispiel freiwillig zum Vorbild. Ganz aktuell: In Frankreich ist man dabei sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Das französische Sozial- und Gesundheitsministerium hat die Norm mit Jahresbeginn 2013 verbindlich erklärt. Das heißt: UV-Anlagen zur Trinkwasserdesinfektion müssen in Frankreich der ÖNORM M 5873 entsprechen.

Wo Schatten ist, ist auch Licht.

Wasserhygiene ist kein Orchideenthema. 2010 ist eine Urlauberin in Salzburg aufgrund einer bakteriellen Infektion durch eine Warmsprudelwanne gestorben. "Das stagnierende Wasser in den Schläuchen des Wannensystems hat einen Biofilm gebildet, in dem sich Bakterien herrlich vermehren konnten. Dreht man die Wannensprudel auf, dann gelangen die Bakterien in die Wanne", erläutert Sommer. In dem Fall führte das Bakterium Pseudomonas aeruginosa zum Tod durch Organversagen. Wo Schatten ist, ist auch Licht. "Durch den tragischen Unfall haben wir Aufmerksamkeit für die Gefahren bekommen, die in solchen Warmsprudelwannen lauern. Jetzt müssen diese Leitungen der Warmsprudelwannen vor dem Gebrauch regelmäßig desinfiziert werden." Um dies auch in die Praxis umzusetzen wurde die ÖNORM M 6222-1 für den Betrieb dieser Warmsprudelwannen erarbeitet. Für die stets aktive Regina Sommer ist der Aspekt der Realitätsnähe besonders wichtig. "Wir forschen, aber wir forschen nicht im Elfenbeinturm. Was wir tun, soll positive Auswirkungen im täglichen Leben der Menschen haben."

Ihre Abteilung für Wasserhygiene war das erste akkreditierte Labor an der Medizinischen Universität Wien. Sommer und ihr Team verfassen wasserhygienische Gutachten unter anderem für Gesundheitseinrichtungen, Wasserversorger und Fachfirmen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Prüfung der Wirksamkeit von UV-Desinfektionsanlagen. Weltweit gibt es nur vier Typprüfstände für UV-Desinfektionsanlagen, einer davon steht im Wasser-Technikum Wiental, einer gemeinsamen Forschungseinrichtung des UV-Teams Austria und Wiener Wasser.

Wenn man derart intensiv mit Krankmachern aller Art im Wasser konfrontiert wird, wie geht man als ao.Univ.Prof. Dipl-Ing. Dr. Regina Sommer selbst mit Wasser um? "Naja, vorsichtig bin ich schon, aber nicht übertrieben", gibt sie zu. "In Österreich trinke ich natürlich Leitungswasser, aber auf Reisen in Länder, die über keine hygienisch zuverlässige Trinkwasserversorgung verfügen, ist es notwendig, abgefülltes Trinkwasser zu verwenden."

Autor: Gerd Millmann

Bibliografie

ÖNORM M 5873 Anlagen zur Desinfektion von Wasser mittels Ultraviolett-Strahlen – Anforderungen und Prüfung
ÖNORM M 6222-1
Anforderungen an die Beschaffenheit des Badewassers in Whirlwannen - Betrieb, Wartung und Überprüfung

Milo Halabi / Regina Sommer / Arno Sorger:
Wasserhygiene in Gesundheitseinrichtungen
Das Praxishandbuch für den Umgang mit Wasser in Krankenhäusern, Praxen, Pflegeheimen, Kurzentren und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens
Buch:    ISBN 978-3-85402-261-9 
E-Book: ISBN 978-3-85402-262-6

PR-ID: 0671-2013-09-18 / sauberes_wasser