Ausbildung von Tauchlehrern

Wie der österreichisch-britische Tauchexperte Martin Denison die Normung für sich entdeckte, damit sein Unternehmen rettete und fast nebenbei damit die Sicherheit beim Tauchen weltweit erhöhen konnte.

Von Österreich in die ganze Welt

Vier Taucher Unterwasser.

Das ist (diesmal) weder die Geschichte österreichischer Musik oder Malerei noch die des österreichischen Tauchpioniers Hans Hass.
Das ist die einfache Geschichte einer Norm, die zuerst in Österreich entstand und in nur wenigen Jahren in die ganze Welt ausstrahlte. Sie macht – zuerst in den klaren Seen des Salzkammerguts – heute in aller Welt den Tauchsport sicherer und sorgenfreier.

Wie es dazu kam?

Wie immer in der Normung begann es mit einem ganz konkreten Bedarf, mit einer Notwendigkeit. Und die ist nicht nur die Mutter der Erfindung, wie schon Plato wusste, sondern auch die "Mutter" jeder Norm.

Martin Denison, österreichischer Tauchexperte mit britischen Wurzeln, erkannte das Mitte der 1990er Jahre. Als Lektor am Universitäts-Sportinstitut Wien war er viele Jahre verantwortlich für die Ausbildung von Tauchlehrern im Österreichischen Tauchsportverband.

1994 machte er sich selbstständig und bildete Tauchlehrer nach dem System der US-amerikanischen Ausbildungs-Organisation Scuba Schools International (SSI) aus.

Neues Sportgesetz

Martin Denison
Martin Denison

Dann, im Vorfeld des österreichischen EU-Beitritts 1995, erschien in Oberösterreich ein neues Sportgesetz, das seine Arbeit massiv in Frage stellte.

Denison: "Die Zeugnisse, die wir ausstellten, wären nach Inkrafttreten des Gesetzes nicht mehr anerkannt worden. Und Lehrer bzw. Instruktoren auszubilden, die dann nicht arbeiten dürfen, weil ihre Qualifikation nicht anerkannt wird, ist ungefähr so sinnvoll, wie Schrauben und Muttern zu erzeugen, die nicht zusammenpassen."

Was also tun?

Als Lösung des Problems entstand die Idee einer Norm, einer speziellen Dienstleistungsnorm. Es war gerade die Zeit, als das Thema Dienstleistungen in der Normung – national, wie auch europäisch und international – erstmals intensiv diskutiert wurde.

Man überlegte, das System der freiwilligen Normung – bei Produkten schon jahrzehntelang bewährt – auf diesen Bereich zu übertragen, nicht zuletzt, um den europäischen Markt durchlässiger zu machen bzw. überhaupt erst zu öffnen.

Gerade der Bereich der Taucherausbildung und der dazugehörigen Dienstleistungen sollte sich dann zu einer der (ersten) großen Erfolgsgeschichten der Normung im Dienstleistungssektor entwickeln.

Der Rest ist nicht Geschichte, sondern aktuelle Gegenwart.

Schildkröte

Aus der Idee, Standards zu entwickeln – noch dazu in Österreich, das nicht gerade als Hochburg des Tauchsports gilt – wurde sehr schnell Wirklichkeit.

Denison: "Wir haben mit dem damaligen Komitee-Manager bei Austrian Standards Institute, Dipl.-Ing. Dr. Peter Jonas, gesprochen, haben überlegt, wer die Stakeholder sind und wie wir sie zur Mitwirkung gewinnen können. Da saßen dann plötzlich Leute an einem Tisch, die ansonsten eher die Straßenseite wechseln, wenn sie einander begegnen.

Die Arbeiten haben an Dynamik gewonnen, und schon im Sommer 1997 lag der Entwurf zur ersten Taucher-Norm, der ÖNORM S 4260 'Dienstleistungen der Freizeitwirtschaft – Sicherheitsrelevante Mindestanforderungen an die Grundausbildung im Gerätetauchen' vor."

Fünf Taucher

Von da war es ein relativ kurzer Weg zu weiteren Dokumenten für diesen Bereich und in die Europäische und später direkt in die Internationale Normung.

"Was wir in Österreich entwickelt haben, findet sich heute zu rund 70 Prozent in den Europäischen und Internationalen Normen wieder", weiß Denison und ergänzt: "Das hatte auch wesentlich mit der Entwicklung dieses Sektors zu tun, der sich von einem Sport, der traditionell in Verbänden organisiert war, zu einem Wirtschaftszweig mit zahlreichen privaten gewerblichen Anbietern entwickelt hat."

Weltweiter Bedarf nach Regelungen

Wie groß der Bedarf war, die unterschiedlichen Anforderungen – ob seitens der Verbände oder der privaten Dienstleister – auf eine gemeinsame Basis zu stellen, haben die europäischen Arbeiten gezeigt: Rund 35 Vertreter aus 17 Ländern haben aktiv mitgearbeitet, auch aus Nordeuropa.

Vor allem Norwegen hat dabei, wie Denison berichtet, sehr großes Gewicht auf Konsumentenschutz-Bestimmungen gelegt, die dann Eingang in die Normen gefunden haben. Was aus Sicht des Tauchexperten ganz wichtig ist, denn: Wer einen Tauchkurs belegt, geht ein Vertragsverhältnis mit einem Ausbildner oder einer Tauchschule ein – und da sollten die "Schüler" genau wissen, was der "Lehrer" oder die "Schule" bietet bzw. bieten muss.

Die einschlägigen Normen liefern die Grundlage. Die Zertifizierungen nach diesen Normen gewährleisten, dass die geforderte Qualität vollständig umgesetzt wird.

Tauchkurse und Tauchgänge werden heute weltweit sehr oft bereits vor dem Urlaub via Internet gebucht. Was der Kunde für sein Geld bekommt, darüber sollten die Anbieter informieren, auch über die Normen, nach denen sie arbeiten.

Denison: "Das ist ein enormer Wettbewerbsvorteil, den man nutzen sollte."

Ohne Normen geht’s nicht mehr

Fische

Die weltweite Akzeptanz dieser Normenserie ist ein wichtiger Erfolg einer ursprünglich rein österreichischen Idee. So werden z. B. in Ägypten und Griechenland – zwei beliebte Destinationen für Tauchsportler – Tauchschulen oder Tauchbasen nur mehr dann zugelassen, wenn sie nach den relevanten Internationalen bzw. Europäischen Normen zertifiziert sind. Ein österreichischer Unternehmer hat sie initiiert und mit Hilfe der anderen Marktpartner, unterstützt und begleitet von Austrian Standards Institute, auf Weltniveau gebracht.

Martin Denison freut das sichtlich: "Wir haben in Österreich einen kleinen Schritt gesetzt, und es ist uns gelungen, damit die Sicherheit weltweit zu erhöhen."

Inzwischen sind viele nationale Verbände und alle großen gewerblichen Anbieter nach diesen Normen zertifiziert, berichtet er, wobei sich zeigte, dass alle Bedarf an Verbesserungen hatten:

"Heute ist das anerkannter Standard in der gesamten Taucherwelt."

Für Denison selbst haben sich Initiative und Engagement, wie er betont, in vieler Hinsicht gelohnt. Fragt man ihn, was die Mitarbeit an der Normung gekostet hat, so nennt er drei Dinge:

"Meine Arbeit, meine Zeit und meine Reisen."

Und stellt gleich die Gegenfrage: Was hätte es mich gekostet, nicht dabei zu sein?

"Mein Unternehmen, meine Existenz. Ohne Normen hätte ich zusperren können."

Denn mit Hilfe der Taucher-Normen und der Zertifizierung konnte er seine Kompetenz und die Ausbildungsqualität seiner Absolventen entsprechend dem neuen Sportgesetz nachweisen.

Kann Norm für mich eine Lösung sein?

Was er anderen – vor allem Klein- und Mittelbetrieben – an Erfahrungen und Erkenntnissen mit auf den Weg geben möchte?

"Sich vorab die Frage stellen: Kann eine Norm für mich bzw. für mein Unternehmen eine Lösung sein? Heißt die Antwort ja, dann mit Austrian Standards Institute sprechen und das neue Norm-Projekt vorschlagen. Das Gespräch kostet nichts, und auch die Mitarbeit an der Norm ist in Österreich kostenlos. Zeit und Reisekosten muss man selber tragen. Das hat sich in meinem Fall wirklich gelohnt."

Man sollte sich aber noch eine andere Frage stellen, meint Denison abschließend:

"Was kostet es, wenn ich nicht dabei bin, wenn andere die Regeln festlegen, die nicht meinen Bedürfnissen, Interessen und Erfahrungen entsprechen, die ich dann aber einhalten muss, weil sie eben Standard sind. Also besser: gleich von Anfang an dabei zu sein."

Martin Denison erhält KMU-Award
[2010-05-26] Im Rahmen der Matinee anlässlich des 90-jährigen Bestehens zeichnete Austrian Standards Personen aus, die durch überdurchschnittliches Engagement rund um Normen beispielgebend sind. Martin Denison erhielt einen Award für die von ihm initiierte Normenserie für Freizeittaucher.