Neue Norm behandelt "Lichtverschmutzungen"

Denkmäler, Sportplätze, Industrieanlagen, Kirchen und Werbeflächen - alles leuchtet oder wird beleuchtet. Licht entwickelt sich zunehmend vom nutzbringenden Kulturgut zum Störfaktor. Eine eben erschienene ÖNORM beschäftigt sich erstmals mit der Messung und Beurteilung von Lichtimmissionen

Wien (AS prm, 01.06.2016)
Stift Melk

Plakatives Beispiel für die unterschiedliche Wahrnehmung von Lichtimmissionen: Wer nachts auf der Westautobahn fährt, dem sticht das hell erstrahlende Stift Melk ins Auge. Was dem Kulturfreund als Paradebeispiel für gelungene Präsentation gilt, stört den Naturfreund möglicherweise als unbotmäßiges Lichtfestspiel im umgebenden Dunkel der Natur. © de.wikipedia/AlterVista, 2005

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Peter S. begibt sich nach vollendetem Tagwerk zu Bett, um seinen verdienten Schlaf zu genießen. Da zucken grellbunte Lichtblitze auf und erleuchten sein Schlafzimmer taghell. Herr S. versucht tapfer, die unangenehme Störung einfach zu ignorieren. Doch sein Versuch scheitert kläglich und so liegt er wieder einmal stundenlang wach bis er endlich - enerviert und erschöpft - einschlafen kann.

Beschwerden nehmen zu

Was den bedauernswerten Herrn S. Tag für Tag um seinen Schlaf bringt, sind die Lichtimmissionen einer sogenannten LED-Light-Wall, einer rund um die Uhr mit wechselnden Motiven bespielten, hell leuchtenden Werbetafel. So wie im geschilderten Fall werden zunehmend mehr ruhebedürftige Bürger Opfer unerwünschter, unangenehmer und vor allem dauerhafter Lichteinwirkungen.

Werbung ist dabei nur eine von mehreren Ursachen für "Lichtverschmutzungen". Allein im Wiener Stadtgebiet führen die für lichttechnische Fragen zuständigen Amtssachverständigen monatlich bis zu 30 Lichtmessungen durch, um derartige Störungen zu beurteilen. Grundlage dafür sind ebenso viele Beschwerden - zehnmal so viele wie noch vor 20 Jahren.

Veränderte Anwendungsgebiete

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Anwendungsgebiete für Licht haben sich - nicht zuletzt durch neue Technologien - verändert. Licht dient längst nicht mehr alleine dazu, Orientierung und Sicherheit zu bieten und das menschliche Wohlbefinden zu steigern. Vielmehr wird Licht eingesetzt, um mit möglichst auffallender Effektbeleuchtung zu werben, Bauten gezielt hervorzuheben oder Sportanlagen in hellem Glanz erstrahlen zu lassen.

Der Mensch ist dieser permanenten Reizüberflutung nicht gewachsen. Auch wenn Lichtimmissionen, anders als akustische Störreize, nicht unmittelbar zu gesundheitlichen Schäden führen, haben sie nachgewiesener Maßen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden.

Um die Auswirkungen der omnipräsenten Lichtverschmutzung auf Mensch und Umwelt beurteilen zu können, legt eine neue Norm Grenzwerte fest und beschreibt, wie Belastungen zu ermitteln sind. Die ÖNORM O 1052 "Lichtimmissionen - Messung und Beurteilung" ist aus der Notwendigkeit entstanden, die Verträglichkeit für unterschiedlichste Bereiche zu definieren. Denn Lichtverschmutzung berührt nicht nur Mensch und Umwelt, sondern ist auch für Astronomie, Biologie und Verkehr von Bedeutung.

Inhalt der Norm ist folgerichtig die Begrenzung der Aufhellung von Raum und Umwelt durch künstliche Lichtquellen. Im Wesentlichen geht es dabei um psychologische und ökologische Aspekte. Zusätzlich enthält das Regelwerk auch Grenzwerte für durch Licht hervorgerufene Irritationen, wie etwa Blendungen. Derartige Beeinträchtigungen werden meist schon lange als störende Belästigung wahrgenommen, ehe es zu einer tatsächlichen "physiologischen Belehnung" (Beeinträchtigung der Wahrnehmung) kommt.

Richtschnur für alte und neue Beleuchtungsanlagen

Für den Leiter des Arbeitskreises öffentliche Beleuchtung und Energieverbrauch (AKÖB) der Lichttechnischen Gesellschaft Österreichs Dipl.-Ing. Dr. Nikolaus Thiemann ist die neue Norm ein Durchbruch: "Mit der ÖNORM O 1052 gibt es nun erstmals medizinisch und ökologisch abgestimmte Grenzwerte für Beleuchtungen im Außenbereich. Darüber hinaus kann das Regelwerk sowohl für bestehende wie auch für neu zu errichtende Anlagen herangezogen werden."

Für den Lichtexperten ist auch die Thematisierung von Raumaufhellungen in Wohnungen durch Straßenbeleuchtungen von großer Bedeutung. "In Verbindung mit den zugehörigen Grenzwerten und den konstruktiven Maßnahmen zum Anrainerschutz deckt die Norm sämtliche Aspekte ab. Und das europaweit zum ersten Mal", so Thiemann, der auch dem zuständigen Komitee 047 "Optik und Lichttechnik" bei Austrian Standards vorsteht.

Autor: Herbert Hirner

Bibliografie

ÖNORM O 1052 Lichtimmissionen - Messung und Beurteilung

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