Dekarbonisierung unter der Lupe

Schluss mit Klimaschutzmaßnahmen als PR-Gag: Internationaler Standard legt fest, wie Kohlenstoffneutralität nachweisbar ist

Wien (AS prm, 31.10.2019)

Die Klimakrise veranlasst Politik, Verwaltung und Wirtschaft dazu, mit diversen Forderungen nach Kohlenstoff- und Klimaneutralität auf diese globale Herausforderung zu reagieren. Öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Organisationen aller Art bemühen sich, diesen Forderungen durch Maßnahmen nachzukommen. Mittels Kennzahlen und Botschaften signalisieren sie: Wir leisten unseren Beitrag zur Dekarbonisierung! Dass dies Wettbewerbsvorteile mit sich bringt, ist ein Nebenaspekt. Denn: Verbraucher, die umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen wählen, vertrauen auf entsprechende Kennzeichnungen.

Das Problem: Die "Neutralitäts"-Ausdrücke und -Kennzeichen wie "CO2-frei" oder "frei von fossilen Brennstoffen" haben keine einheitliche, gemeinsame Basis. Es fehlt an klaren Regeln, was State of the Art für das klimaneutrale Agieren sein soll. "Bis jetzt kann sich leicht ein jeder das Mascherl ‚Klimaschutz‘ umbinden, ohne dass viel dahintersteckt," beobachtet Karl Grün, Director Standards Development bei Austrian Standards. Das soll sich ändern.

Angesichts der wachsenden Dynamik und ausufernden Klimaschutzmaßnahmen (auf Landesebene und für nichtstaatliche Akteure) soll ein internationaler Standard das Problem lösen. ISO 14068 für "Treibhausgasmanagement und damit verbundene Aktivitäten - Kohlenstoffneutralität" soll künftig klare Begriffsdefinitionen und Parameter für CO2-Neutralität festlegen. So kann die Wirkung der gesetzten Maßnahmen nachvollziehbar verfolgt und glaubwürdig nachgewiesen werden, wenn die Klimaneutralität erreicht wird. Der Standard richtet sich an alle verantwortlichen Organisationen, Unternehmen, Städte und Gemeinden. Er wird auf Produkte, Gebäude, Veranstaltungen oder Dienstleistungen anwendbar sein. Bei Austrian Standards beraten in der Arbeitsgruppe 226.06 Klimawandel und Treibhausgase (THG) heimischen Expertinnen und Experten über das brandneue Standardisierungsprojekt. Sie entwerfen die österreichischen Beiträge und vertreten diese über Austrian Standards auf internationaler Ebene in einem offenen, transparenten, inklusiven, auf Konsens ausgerichteten Prozess.

Expertenverantwortung schlägt sich in neuen Klimaschutzstandards nieder

Österreich muss in zehn Jahren 36 Prozent weniger emittieren und der EU bis zum Jahresende einen adaptierten Nationalen Energie- und Klimaplan (NECP) vorlegen. Doch damit es nicht bei einer reinen PR-Maßnahme bleibt, ist es wichtig, dass Taten folgen. Welche Maßnahmen tatsächlich zur Dekarbonisierung beitragen können, darüber zerbrechen sich zurzeit Expertinnen und Experten aus 62 Staaten und 24. supranationalen Organisationen im Bereich der Internationalen Standardisierung die Köpfe. Diskutiert wird so lange, bis ein Konsens erzielt ist. Dieser fließt in Standards ein, die innovative, effiziente und überprüfbare Lösungen beschreiben. "Das Thema Klimaschutz ist wesentlich präsenter als noch vor einigen Jahren", sagt Austrian Standards Managing Director Elisabeth Stampfl-Blaha. In sehr vielen Bereichen, in denen Standards entwickelt werden, sei man sich der Verantwortung sehr stark bewusst. Im Umweltkontrollbericht, welcher Mitte Oktober im Parlament vorgelegt wurde, wird die Bedeutung der Standardisierung auch klar hervorgehoben. Schon jetzt ist klar: Energieeffizienzstandards im Bauwesen, Kreislaufwirtschaftsstandards und Smart-City-Standards sind praktikable Türöffner am Weg zum klimafreundlichen Agieren.

Klimaschutzstandards für die Kreislauf- und Abfallwirtschaft sowie für’s Bauen und Heizen

Im Gebäudebereich, wo hohe Energieeffizienzstandards gefordert sind, ist ein umfangreiches Normenprojekt in Ausarbeitung. Neue und überarbeitete Energieeffizienzstandards werden signifikante Einsparungen durch die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie bringen. Hier geht es um die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik von Heizungen und generell um die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden. Zuständig sind die Komitees 043 (Gasgeräte und Gastechnik), 058 (Heizungsanlagen), 141 (Klimatechnik), 157 (Abfallwirtschaft), 166 (Dämmstoffe für den Wärme- und Schallschutz), 175 (Wärmeschutz von Gebäuden und Bauteilen). Die Expertinnen und Experten kommen aus der Bauwirtschaft, von Herstellerseite, Behörden oder sind Ziviltechniker.

Auch recycelte Baustoffe werden zunehmend zum Thema. Thomas Linsmeyer, Vorsitzender des zuständigen Komitees 157 sagt: "In puncto Standardisierung ist die Kreislaufwirtschaft noch am Anfang. Beim Europäischen Komitee für Normung CEN wurde beantragt, das Thema Kreislaufwirtschaft im Bausektor tiefer zu verankern. Erste Ansätze gibt es im Bereich Gesteinskörnungen aus Recyclaten. Es geht letztlich auch um eine zweifelsfreie Sicherheit für die Hersteller und Konsumenten." Qualitätsstandards für Recyclingmaterial sind die Voraussetzung für die Etablierung von Märkten für Sekundärrohstoffe und dafür, dass auch die öffentliche Beschaffung die Nachfrage nach Recyclaten erhöhen kann.

Abfall-Sortierung: Anteil von Sekundärrohstoffen erhöhen

Welche Stoffe eignen sich als Recyclingmaterial und welche nicht? Für Altreifen zum Beispiel wurde unter Mitarbeit österreichischer Fachleute ein sehr praxisorientierter Leitfaden entwickelt, die ONR CEN/TS 17045:2017 05 01. In ihr sind die Qualitätskriterien dafür festgehalten, welche Reifen im Ganzen verwertet werden können. Im kürzlich vorgelegten Umweltkontrollbericht wird betont, dass es überhaupt darum gehe, Altstoffe verstärkt getrennt zu erfassen, um die Möglichkeiten des Recyclings zu erweitern. "Austrian Standards wird diese Fragestellung dem zuständigen Komitee weiterleiten", sagt Karl Grün. Man werde sich anschauen, wie technische Standards für Sortier- und Aufbereitungsanlagen festgelegt werden könnten. Grundlage dafür wäre der schon mehrteilige ÖNORM-Standard S 2097 "Sortieranalyse von Abfällen".

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