Barrierefeies Bauen

Wenn es darum geht, die gebaute Umwelt barrierefrei zu gestalten - so, dass sie auch für Menschen mit Beeinträchtigungen ohne Hilfe durch andere Personen zugänglich und nutzbar ist -, dann sind die ÖNORMEN B 1600 bis B 1603 der Standard in Österreich. Wobei vorauszuschicken ist: Die Norm sagt nicht, ob ein Gebäude barrierefrei auszuführen ist - das ist Aufgabe des Gesetzgebers bzw. des Bauherrn -, sondern sie sagt, wie man diese Aufgabe am besten und im Sinne aller Betroffenen löst. Diese ÖNORMEN sind somit als umfassende Empfehlung und als Planungsinstrument für Bauherren und Planer anzusehen, und zwar immer dann, wenn Barrierefreiheit gewünscht bzw. gefordert wird.

Architektonische Barrieren und Hindernisse schließen viele Menschen mit Behinderungen von der Teilnahme am Gemeinschaftsleben aus. Artikel 7, Absatz 1 der österreichischen Bundesverfassung besagt jedoch, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. "Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nicht behinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten“, heißt es darin.

Die Europäische Kommission hat darüber hinaus an die europäischen Normungsorganisationen Mandate (M/283, M/292, M/293) erteilt, um Brauchbarkeit und sichere Benutzbarkeit von Produkten für Menschen mit speziellen Bedürfnissen - dazu zählen neben Menschen mit Behinderungen auch Kinder und ältere Menschen - zu entwickeln.

Aktuell im April 2017

Barrierefreiheit: Alle Türen müssen nun leicht bedienbar sein
Der Standard für Barrierefreiheit, ÖNORM B 1600, wurde nachjustiert

1. Sichere Nutzung ohne fremde Hilfe

Auf diesen Grundlagen formuliert die Normenreihe ÖNORM B 1600 bis B 1603 die notwendigen baulichen Maßnahmen, um behinderten Menschen, aber auch Personen, die vorübergehend bewegungs- oder sinnesbehindert sind, eine sichere Nutzung von Gebäuden und Anlagen weitgehend ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. Die darin beschriebenen Maßnahmen können aber auch Personen mit Gipsverbänden, Schwangeren, Menschen, die mit Kinderwagen unterwegs sind oder Lasten tragen, sowie Kindern und älteren Menschen die Benutzung von Gebäuden und Anlagen erleichtern.

"Dabei geht man vom Konzept des 'Design for all' aus", wie Dipl.-Ing. Stefan Wagmeister, zuständiger Komitee-Manager bei Austrian Standards betont. Dieses legt fest, dass Produkte, Geräte, Umgebungen und Systeme derart gestaltet sind, dass sie ohne weitere Anpassung oder Spezialisierung für so viele Menschen wie möglich nutzbar sind.

Dieser Ansatz birgt großes Potential: Werden barrierefreie Merkmale schon in frühen Planungsphasen berücksichtigt, so sind sie meist kostenneutral. Das wird etwa dann deutlich, wenn sich sanitäre Einrichtungen bei unvorhergesehener Behinderung oder zunehmenden Beeinträchtigungen im Alter ohne große Umbauten nutzen lassen.

2. Grundlegende und spezielle Anforderungen

Die in der Normenreihe beschriebenen Planungsgrundsätze umfassen neben den baulichen Maßnahmen, Einrichtungen und Ausstattungen auch die Kennzeichnungen, die notwendig sind, um die Möglichkeiten unterschiedlicher Menschen berücksichtigen zu können. Während die ÖNORM B 1600 die grundlegenden Anforderungen an barrierefreies Bauen formuliert, beschreiben die weiteren Dokumente die erforderlichen Maßnahmen für spezielle Nutzungen.

So beinhaltet ÖNORM B 1601 die Planungsgrundlage für barrierefreie Gesundheitseinrichtungen. Dazu zählen Ordinationen und Gesundheitspraxen, inklusives assistives Wohnen und Arbeiten (Betreutes Wohnen, integrative Betriebe), spezielle Wohneinrichtungen (Seniorenwohnhäuser, Tagesheimstätten, Alten- und Pflegeheime) sowie Gesundheitseinrichtungen (Spitäler, Ambulatorien, Rehabilitationseinrichtungen).

ÖNORM B 1602 formuliert die Anforderungen an barrierefreie Bildungseinrichtungen, zu denen neben Pflichtschulen auch alle Arten weiterführender Schulen bis zu Fachhochschulen und Universitäten sowie Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der Weiterbildung zählen.

ÖNORM B 1603 widmet sich barrierefreien Tourismus- und Freizeiteinrichtungen. Gerade in diesem Bereich gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung, erschließen sich damit doch Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben, Kultur-, Freizeit- und Erholungseinrichtungen neue Kundenkreise.

3. Erleichterungen bei bestehenden Bauwerken

Rücksicht nehmen die Normen auch auf die Situationen in bestehenden Bauwerken. Bei baulichen Änderungen, wie Zu- und Umbauten bzw. Adaptierungen, sind in begründeten Fällen Abweichungen von der Norm zulässig, wobei für die einzelnen Fälle ein "eingeschränkter Standard unter erschwerten Bedingungen“ definiert wird. Details beschreibt das Kapitel "Erleichterungen bei bestehenden Baulichkeiten“ der ÖNORM B 1600.

"Womit ein wichtiges Gegenargument gegen die barrierefreie Gestaltung von Bauwerken wegfällt", wie Dipl.-Ing. Wagmeister betont. Denn die Mehrkosten, die barrierefreies Bauen verursacht – Berechnungen gehen von rund 4 bis 5 Prozent aus –, sind immer wieder ein Kritikpunkt. Die Experten, die an der Norm mitgewirkt haben sind sich aber einig: Eine Gegenüberstellung dieser vergleichsweise geringen Mehrkosten mit weitaus größeren finanziellen Aufwendungen im Sozialbereich aufgrund der demographischen Entwicklung, etwa für Altenpflege oder Heimplätze, zeige sehr rasch, dass es sinnvoll ist, Voraussetzungen zu schaffen, die ein Altwerden in den eigenen vier Wänden bzw. im Familienverband ermöglichen.

Wichtig in dem Zusammenhang ist auch der Hinweis im Vorwort der ÖNORM B 1600. Dort heißt es: "Die vorliegende ÖNORM legt Standards für die barrierefreie Gestaltung der gebauten Umwelt fest und gibt Planungshinweise für die Umsetzung. Es liegt im Verantwortungsbereich des Anwenders (z. B. Bauherr, Auftraggeber) bzw. des Gesetzgebers, festzulegen, wann und in welchem Umfang diese ÖNORM anzuwenden ist."

4. Erweiterungen und Anpassungen im Baubereich

Die wesentlichen Neuerungen der Normenreihe thematisieren z. B. die Anpassbarkeit von Wohnbauten, die Bedienkräfte von Türen, die Markierung von Glasflächen, Erweiterungen zu taktilen und visuellen Orientierungssystemen sowie zu sicheren Aufenthaltsbereichen (Verweilbereichen) bei Gefahr. Zwei zusätzliche Anhänge zu den Anfahrtsbereichen vor Türen für Rollstuhlfahrer und zur Prüfanordnung für den einfachen Nachweis der Bedienkräfte von Türen ergänzen die aktuelle Neufassung.

Mit der jetzt abgeschlossenen Überarbeitung ist die Kohärenz zwischen den einzelnen Regelwerken sichergestellt. Notwendig war die Adaptierung nicht zuletzt durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch Österreich im Jahr 2008. Denn diese hat Änderungen und Anpassungen der österreichischen Baugesetze und Bauordnungen notwendig gemacht, etwa auch in der OIB-Richtlinie 4 "Nutzungssicherheit und Barrierefreiheit".

Autor: Herbert Hirner