Nachhaltiges Bauen braucht Know-how und Kostenwahrheit

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22.10.2021

Dass die Baubranche „grüner“ werden muss, ist unbestritten. Doch wie läuft die Umsetzung in der Praxis? Welche Rolle spielen die Beteiligten? Und wer macht’s? Sicher ist: Von der Idee bis zu Rückbau und Wiederverwertung sind in einer Kreislaufwirtschaft noch einige Lücken zu schließen. Über die Herausforderungen, Chancen und Verantwortlichkeiten sprachen Bauexperten am 6. Oktober beim 2. Virtuellen Baustammtisch von Austrian Standards.

Der Virtuelle Baustammtisch von Austrian Standards ist eine Fortsetzung des „Dialogforum Bau Österreich“ mit dem Ziel, den Austausch zu aktuellen Themen innerhalb der Branche zu fördern. Am 6. Oktober fand die 2. digitale Auflage mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Experten diskutierten, wie eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft im Bausektor funktionieren kann und an welchen Schrauben noch gedreht werden muss. Sonja Meßner von der Österreichischen Bauzeitung führte durch die Diskussion mit vier Branchenvertretern. Per Live-Chat beteiligte sich auch das Publikum mit interessanten Fragen und Denkanstößen.

Nachhaltigkeit betrifft alle Fachdisziplinen

Beim nachhaltigen Bauen sind von der Planung über den richtigen Einsatz von Baustoffen bis hin zum Rückbau und der Wiederverwertung der Materialien alle Fachdisziplinen gefragt, denn nachhaltiges Bauen beginnt mit der Grundstücksauswahl und endet nicht erst mit einer energieeffizienten, ökologischen Konstruktion. 

Die Kreislaufwirtschaft spielt eine Schlüsselrolle für nachhaltiges Bauen. Damit rückt der gesamte Lebenszyklus von Bauwerken – von der Planung bis hin zum Rückbau – ins Zentrum. Wie lässt sich der Ressourcenverbrauch also insgesamt minimieren und der Energieverbrauch bei der Herstellung und Errichtung sowie im Betrieb zurückschrauben? Wie können Bauprojekte entstehen, die der Natur nicht schaden? Und: Wer übernimmt die Verantwortung für die Umsetzung?

Einige Fakten hat die Politik bereits geschaffen. Der „Green Deal“ der Europäischen Union, die Agenda 2030 der UN oder die Klimaziele der österreichischen Bundesregierung setzen Rahmenbedingungen für eine „grüne“ Bauwirtschaft. Austrian Standards hat mit dem Komitee „Nachhaltigkeit von Bauwerken“ eine Schnittstelle zur Vernetzung und zum Austausch rund um das Thema gegründet.

Nachhaltiges Bauen kennt keinen Stillstand

Komitee-Vorsitzender Peter Maydl von der TU Graz stellte fest, dass das Thema Nachhaltigkeit in Theorie und Praxis angekommen ist. In der Ausbildung werde es in den meisten Disziplinen und Fächern umfassend behandelt. „Mit einem eigenen Universitätslehrgang für nachhaltiges Bauen war die Branche in Österreich schon vor zehn Jahren Vorreiter.“ Allerdings sieht Maydl beim Weiterbildungsangebot großen Nachholbedarf: „Das Kursangebot ist für Berufstätige oft nicht praxistauglich. Die Entwicklungen, ob technologisch oder konzeptuell, schreiten aber rasant voran. Fortbildung ist deshalb enorm wichtig.“

Klaus Thürriedl, Kammer der ZiviltechnikerInnen, ergänzte: „Die Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte und von Entscheiderinnen und Entscheidern ist ein wichtiger Baustein für die Umsetzung nachhaltiger Bauwerke. Viele ökologische, alte Materialien – wie Lehm, Stein oder Ton – sind in Vergessenheit geraten, können aber innovative Projekte sinnvoll ergänzen. Außerdem werden laufend neue Materialien und Methoden entwickelt. Damit wir auch die breite Bevölkerung informieren und abholen können, müssen Fachkräfte am Laufenden bleiben. Nachhaltiges Planen und Bauen muss immerhin erst beauftragt sein, bevor es realisiert werden kann.“

„Wir müssen weg vom Narrativ, dass wir kurz vor dem Weltuntergang stehen. Stattdessen müssen wir die Chancen hervorheben, die der Nachhaltigkeitsaspekt bringt“, meinte Thomas Kasper vom Österreichischen Baustoff-Recycling-Verband. „Möglichst sortenreine, schadstofffreie Baustoffe ermöglichen den Rückbau und eine Weiterverwendung vieler Ressourcen. Der Rückbau muss in der Planung immer mitgedacht werden“, so sein Appell an die Bauindustrie.

Tool für mehr Kostenwahrheit fehlt

Andreas Fromm von der ASFINAG Bau Management GmbH: „Es hat sich bereits viel getan. Seit 2015 gibt es zum Beispiel in unseren Ausschreibungen Pluspunkte für einen hohen Recyclinganteil im Asphalt. Natürlich sind insgesamt noch viele weitere Innovationen nötig, die dann flächendeckend zum Standard werden müssen. Außerdem dürfen künftig nicht die Herstellungskosten als Maßstab herangezogen werden, sondern die Lebenszykluskosten. Das ist leider noch nicht üblich, würde aber zu mehr Kostenwahrheit führen. Was dafür noch fehlt, ist ein standardisiertes, systematisiertes Verfahren zur Ermittlung der Lebens- bzw. Nutzungsdauer von Bauwerken inklusive der Kalkulation von Sanierungen oder Umnutzung im Laufe der Zeit. Da schon allein die Lebensdauer von Gebäuden und Infrastruktur schwer zu berechnen ist, sind die entstehenden Kosten im gesamten Lebenszyklus umso schwieriger zu kalkulieren.“

Dieser Meinung schlossen sich alle Experten in der Runde an. Maydl fügte als Vorsitzender des Komitees „Nachhaltigkeit von Bauwerken“ hinzu: „Wir müssen einen standardisierten Kostenrechner finden, der ökologische Modelle heranzieht und auf verschiedenste Aspekte, wie zum Beispiel die Erhaltung von Biodiversität, Rücksicht nimmt und sie beziffern kann.“

Fazit: Nachhaltigkeit geht nur gemeinsam

Jedenfalls braucht es ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten am Weg zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, waren die Experten beim Baustammtisch überzeugt – und zwar innerhalb der Baubranche ebenso wie interdisziplinär, wenn zum Beispiel Planerinnen und Planer mit Biologen und Ökologinnen neue Modelle, Materialien und Verfahren entwickeln.

Einig war man sich auch darüber, dass Nachhaltigkeit von den Investoren sowie Bauherrinnen und Bauherren bereits geschätzt und gefordert wird. So werden klimaschonende Projekte verstärkt nachgefragt und viele Auftraggeberinnen und Auftraggeber sehen in nachhaltigen Investitionen neben dem gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen auch ökonomische Vorteile. Umso wichtiger wird es für künftige Ausschreibungen sein, dass die Lebenszykluskosten realistisch kalkuliert und sichtbar gemacht werden können und so nachhaltige Konzepte in den Vordergrund rücken.

Der Baustammtisch wurde aufgezeichnet – hier geht es zum Video.

 

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Mehr zum Dialogforum Bau Österreich:

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