Klimaschutz: vorhandener Wissensschatz nicht ausreichend gehoben

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03.10.2019

In zehn Jahren 36 Prozent weniger CO2: Mit besserem Wissenstransfer durch Standards sind einige Prozent des EU-Klimaziels für Österreich erreichbar

Vertikalbegrünung
Klimaschutz mit Begrünung © Fred Froese/iStock

Österreich muss der EU bis zum Jahresende einen adaptierten Nationalen Energie- und Klimaplan (NECP) vorlegen, unabhängig von Sondierungsgesprächen, Koalitionsverhandlungen oder einer möglichen Regierungsbeteiligung der Grünen. Das Forschungsnetzwerk Climate Change Center Austria (CCCA) hat dem Nationalen Klimaschutzkomitee (NKK) vor Kurzem neun Reduktionspfade empfohlen. Austrian Standards sieht in vorhandenen Standards, die geballtes Expertenwissen enthalten, wichtige konkrete Ansatzpunkte für wirkungsvolle Maßnahmen auf einigen dieser Reduktionspfade.

"Nationale und internationale Standards können wesentlich zur Erreichung der Klimaziele beitragen. Besonders im Baubereich. Ihr Potenzial ist noch nicht ausreichend ausgeschöpft", sagt Elisabeth Stampfl-Blaha, Direktorin von Austrian Standards, und fordert, dass das vorhandene Expertenwissen als Schutzschild gegen die globale Klimaerwärmung strategisch besser eingesetzt wird. Gebäude tragen mit einem Anteil von etwa einem Drittel wesentlich zum Gesamtenergiebedarf und den CO2-Emissionen bei und seien daher wichtiger Bestandteil einer Klimastrategie.

Brigitte Jank, ehemalige Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglied im Präsidialrat von Austrian Standards, präzisiert: "Teil der Klimaschutzstrategie muss sein, das in Standards vorhandene Expertenwissen besser zu bündeln und konsequenter anzuwenden. Da sind schnell einige Prozent weniger CO2-Ausstoß drin."

50 bis 80 Prozent Einsparungspotential bei Gebäuden

Das Einsparungspotential ist enorm: "Abhängig davon, ob es um einen Neubau oder um größere Renovierungen bestehender Bauten geht, sind Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent möglich, im Durchschnitt 50 Prozent realistisch", sagt Christian Pöhn von der Magistratsdirektion der Stadt Wien, Experte für Energieeffizienz- und Klimaschutzangelegenheiten im Gebäudesektor und Vorsitzender des Komitees rund um energieeffizientes Bauen bei Austrian Standards.

Als Beispiel nennt er den Nutzen der ÖNORM H 5050. Sie beinhaltet Anforderungen zur Berechnung des Gesamtenergie-Effizienzfaktors von Gebäuden und hilft z.B. Heizung und Kühlung nicht überdimensioniert zu planen, was ein häufiges Problem ist. "Die aus der Anwendung von klimarelevanten Standards resultierenden, geringeren Betriebskosten kommen auch der vielfach erhobenen Forderung nach leistbarem Wohnraum entgegen", sagt Pöhn. Langfristig haben energieeffiziente Gebäude finanzielle Vorteile, denn bei konventionellen Gebäuden fallen rund 80 Prozent der Kosten in die Nutzungsphase.

Wie bei vielem liegt auch im Klimaschutz der Teufel oft im Detail. Standards beschäftigen sich mit den notwendigen Details, und zwar auf allen Ebenen. Beispiele für klimarelevante Standards reichen von konkreten Baumaßnahmen, wie z.B. mit Vertikal- oder Dachbegrünungsmaßnahmen nach ÖNORM L 1136 der Energieverbrauch von Klimaanlagen reduziert werden kann, bis hin zu Managementstandards. Systematisches Energiemanagement in Organisationen und Unternehmen kann mithilfe des internationalen Energiemanagementstandards ISO 50001 in die Praxis umgesetzt werden.

Städte "klimafit" machen

Durch die Erderwärmung kommt es in Zukunft auch in Österreich zu mehr und intensiveren Hitzeperioden. Darunter leidet vor allem die Bevölkerung der Großstädte. "In Städten wird es durch die Verbauung tagsüber oft um bis zu 6 Grad wärmer als in ländlichen Gebieten. Bei längeren Hitzewellen bleibt es auch in den Nächten extrem warm", betont Josef Winkler, der als Komitee-Manager bei Austrian Standards u.a. das Projekt ÖNORM L 1136 "Vertikalbegrünung im Außenraum" betreut.

"Bisher waren Entwicklungen in der Baubranche darauf ausgerichtet, keine Energie für das Heizen aufzuwenden. Heute geht es aber vielmehr auch ums Kühlen", so Winkler. "Mit den richtigen Strategien und gezielten baulichen sowie Begrünungs-Maßnahmen können Gebäude den Auswirkungen durch den Klimawandel entgegenwirken", betont er. Die Palette der Maßnahmen reicht dabei von der Verwendung von hellen Materialien für Dächer, dem Bau von Schatten spendenden Vordächern, der Begrünung von Dächern und Fassaden bis zu wärmebewussten Gebäudehüllen, die nicht nur vor Kälte im Winter, sondern auch vor Hitze im Sommer schützen.

Die Anforderungen an Planung und Umsetzung von energieeffizienten und ressourcenschonenden Bau- und/oder Begrünungsvorhaben sind bereits in zahlreichen nationalen und internationalen Standards festgeschrieben. So findet sich beispielsweise fundiertes, praxisorientiertes Fachwissen zur Vermeidung von sommerlicher Überwärmung von Gebäuden in der ÖNORM B 8110-3 "Wärmeschutz im Hochbau - Teil 3" wieder und wird laufend in interdisziplinär zusammengesetzten Normungsgremien diskutiert und aktualisiert.

Die allermeisten ÖNORMEN sind auch Europäische oder internationale Standards. Der wichtigste internationale Standard zur Verbesserung der Energieeffizienz ist die ISO 50001 "Energiemanagementsysteme - Anforderungen mit Anleitung zur Anwendung", die in Österreich als ÖVE/ÖNORM EN ISO 50001 auf Deutsch und Englisch erhältlich ist. Sie stellt den notwendigen organisatorischen Rahmen dar und unterstützt die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) der Vereinten Nationen, konkret SDG 7 ("bezahlbare und saubere Energie") und SDG 13 ("Maßnahmen zum Klimaschutz").

Bibliografie

ÖNORM H 5050 Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden
ÖNORM L 1136 Normprojekt Vertikalbegrünung im Außenraum
ÖNORM B 8110-3 Wärmeschutz im Hochbau - Teil 3: Vermeidung sommerlicher Überwärmung
ÖVE/ÖNORM EN ISO 50001 Energiemanagementsysteme - Anforderungen mit Anleitung zur Anwendung (ISO 50001:2018)

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