Bauen: Nachhaltiger Push durch Sanierung

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13.05.2024

Austrian Standards lud zu seinem Top-Level-Treffen des heimischen Bausektors, dem bereits 6. Baustammtisch am 7. Mai. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Sanieren zum ökologischen und auch zum ökonomischen Erfolg für Österreich werden kann. Rund 250 Gäste waren dabei; live und digital.

Seit Mitte April 2024 ist die Novelle der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) beschlossene Sache und damit spätestens in zwei Jahren auch in Österreich als geltendes Recht umzusetzen. Neben Neubauprojekten widmet man sich darin der nachhaltigen Sanierung von Bestandsobjekten. Bis 2050 sollen diese in der EU vollständig dekarbonisiert sein. Der Bausektor und seine verwandten Branchen dürfen sich also zurecht auf neue Impulse freuen. Auch Wohngebäude rücken noch stärker in den Mittelpunkt. So spielt ihr wirtschaftlich nachhaltiges und zyklusorientiertes Renovieren eine wesentliche Rolle im Kampf gegen die Klimakrise und zugleich für Wertstabilität von Gebäuden oder ganzer Portfolios.

„Wir müssen das Sanieren stärker forcieren als den Neubau, und zwar jetzt!“

Für Karin Kieslinger (Geschäftsführerin, EGW Erste gemeinnützige Wohnungsgesellschaft), die selbst großen Gebäudebestand verantwortet, ist die Aufgabe sportlich, aber notwendig. Sie wünscht sich klar positiveren Umgang mit Sanierungs- und Renovierungsthemen, denn nicht nur Eigentümer:innen, auch Nutzer:innen müssen aktuelle und kommende Maßnahmen mittragen: „In der Diskussion gibt es sehr viel Negativismus. Wir sollten auch die höhere Wohnqualität, die durch Sanierung möglich ist, zum Argument machen. Saniertes Wohnen ist nicht nur klimaeffizienter, sondern gerade auch für Bewohner:innen besser“, und hält fest „Wir müssen das Sanieren stärker forcieren als den Neubau, und zwar jetzt!“. Diese Prämisse gilt auch für Private. Wesentlicher Hebel ist hier eine attraktive Förderlandschaft. Im Rahmen der Veranstaltung konnten Teilnehmende die Frage, was für eine höhere Sanierungsquote ausschlaggebend sein kann, im Rahmen einer Live-Umfrage beantworten. Neben dem grundsätzlichen Willen waren Förderungen die meistgenannte Antwort. Dass die aktuellen Möglichkeiten gerade auch für Eigenheimbesitzer:innen attraktiv sind, bestätigt Experte Helmut Schöberl (Geschäftsführer, Schöberl & Pöll GmbH): „Wir haben zum Beispiel in Wien eine ganz hervorragende Fördersituation. Im unteren Einkommensdrittel sind bei Dekarbonisierung bis zu 100% Förderung derzeit österreichweit möglich.“

Big Data, KI und Materialforschung für bessere Entscheidungen

Diskussionsrunde beim Baustammtisch
© Austrian Standards

Für den Fachbereichsleiter Baumanagement bei Wiener Wohnen, Aramis Glück, ist die Entwicklung durchwegs positiv, wenn auch noch in Kinderschuhen. Viele Potenziale werden aus seiner Sicht erst in den nächsten Jahren sicht- und damit bearbeitbar. „Wir sind gefordert, intelligent an die Aufgaben heranzugehen. In den letzten Jahrzehnten wurde oft schnell und mit hohem Energieeinsatz – Energie war nicht teuer – ohne Blick auf die Lebensdauer errichtet. Hier kann noch Einiges auf uns zukommen. Die Chancenvielfalt, wie wir Dinge besser machen können, ist enorm“, und verweist auch auf neue Technologien und Baustoffe, die im Rahmen der nun verordneten Sanierungswelle in den Mittelpunkt rücken. Auch die in einigen Jahren kommende OIB-Richtlinie 7 wird den Fokus hier noch klarer auf Materialfragen richten. Die endgültigen Entscheidungen werden dabei aus Sicht von LOUD 4 PLANET-CEO Caroline Palfy weiterhin nicht von KI gefällt werden: „Nachhaltigkeit und Digitalisierung gehen für uns Hand in Hand. Ich benötige trotz Big Data und KI noch schlaue Menschen, die diese Daten in kluge Entscheidungen überführen und dann auch umsetzen können.“ Zu diesen klugen Entscheidungen zählen auch die Antworten auf grundsätzliche Fragen wie zum Beispiel den Umgang mit weiterer Bodenversiegelung: „Die ökologisch teuerste Art zu bauen ist das Bauen auf der ‚Grünen Wiese‘. Wir haben die technischen Möglichkeiten, die Erweiterung von schon bebauten Flächen gut zu nutzen.“ Ähnlich sieht das auch EGW-Geschäftsführerin Karin Kieslinger, die mit ihrem Unternehmen längst beschlossen hat, nur noch Baugründe anzukaufen, die bereits an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind.

Sanieren mit Umsicht

Die Legislative nimmt sukzessive alle Seiten in die Pflicht, neben Möglichkeiten zur Dekarbonisierung auch weitere Nachhaltigkeitspotenziale am jeweiligen Bestandsobjekt maximal auszuschöpfen. Eine Einzelanalyse und die damit punktgenaue Sanierungsplanung verlangt also immer nach individueller Bewertung. Klar im Mittelpunkt: Der Heizenergie- bzw. Kühlenergiebedarf. Hier bieten auch antike Beispiele immer wieder gute Inspiration, vor allem für die Anwendung sogenannter „mittlerer Technologiestufen“, die teilweise über Jahrzehnte erprobte Erkenntnisse bieten und deren Rebound-Effekte schon bekannt und damit einpreisbar sind. „Gerade die historische Substanz ist in der Lage, Hitzespitzen sehr gut abzufedern“, betont Denkmalschutz-Experte und Denkmalbeirat Friedrich Idam und appelliert: „Auch bei ganz neuen Technologien wird es Rebound-Effekte geben, die wir heute noch nicht kennen. Suchen und nutzen wir auch Vorteile mittlerer Technologiestufen.“

Der Live-Stream des Events ist auch on demand auf der Website von Austrian Standards aufrufbar.

Es diskutierten:

  • Aramis Glück, Fachbereichsleiter Baumanagement, Stadt Wien – Wiener Wohnen
  • Friedrich Idam, Bauforscher, Denkmalbeirat
  • Karin Kieslinger, Geschäftsführerin, EGW Erste gemeinnützige Wohnungsgesellschaft
  • Caroline Palfy, CEO, LOUD 4 PLANET
  • Helmut Schöberl, Geschäftsführer, Schöberl & Pöll GmbH

Gesprächsleitung: Martin Hehemann, Chefredakteur von Österreichische Bauzeitung

Gruppenfoto Baustammtisch Diskussionsrunde
© Austrian Standards

V.li.n.re: Aramis Glück (Fachbereichsleiter Baumanagement, Stadt Wien – Wiener Wohnen), Friedrich Idam (Bauforscher, Denkmalbeirat), Martin Hehemann (Chefredakteur von Österreichische Bauzeitung), Karin Kieslinger (Geschäftsführerin, EGW Erste gemeinnützige Wohnungsgesellschaft), Caroline Palfy (CEO, LOUD 4 PLANET), Helmut Schöberl (Geschäftsführer, Schöberl & Pöll GmbH)

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Mirjana Verena Mully, Head of Communications

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