Austrian Standards


Rede Dr. Boris Aleshin

Dr. Boris Aleshin eröffnete die Konferenz "20 Jahre Vienna Agreement".

Diese Konferenz soll aufzeigen, wie die positiven Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Russland noch weiter verbessert werden können. Eine gemeinsame Sprache trägt dazu bei, dass man im Handel Erfolge und Gewinne erzielen kann. Internationale Normen, wie sie von der ISO erarbeitet und veröffentlicht werden, stellen diese gemeinsame Sprache bereit.

Zu den wesentlichen Gemeinsamkeiten entwickelter Länder zählt ein nachweisliches Interesse an Normung und Metrologie schon frühzeitig in ihrer Geschichte. Sowohl Österreich als auch Russland gehören zu dieser Gruppe von zukunftsorientierten Staaten. Im 16. Jahrhundert wurden in Russland standardisierte Maßeinheiten erlassen, doch es gibt sogar noch ältere urkundliche Belege für Normungsaktivitäten.

Geht man weiter zum modernen Industriezeitalter, so stellt man fest, dass sich die erste österreichische Norm aus dem Jahr 1921 mit metrischen Schraubengewinden beschäftigte. Dieses scheinbar unspektakuläre Thema ist allerdings auch heute noch ebenso entscheidend für Effizienz, rationellen Ressourceneinsatz und Sicherheit wie vor 90 Jahren. Genormte Schraubengewinde spielten ihre wenig beachtete, aber dennoch kritische Rolle bei dem gemeinsamen österreichisch-sowjetischen Projekt, das Franz Viehböck im Oktober 1991 als ersten Österreicher zur sowjetischen Raumstation Mir ins Weltall führte.

Mittlerweile wurde die Mir von der internationalen Raumstation ISS abgelöst. Dieses ehrgeizige Vorhaben wäre ohne ISO-Normen – von grundlegenden Normen wie dem metrischen Einheitensystem der Normeinreihe ISO 80000 bis zu neueren Standards wie der ISO 16192 mit Grundsätzen und Leitlinien für das Lernen aus den in Weltraumprojekten gemachten Erfahrungen – nicht möglich gewesen.

Gleichzeitig haben die Arbeiten des technischen Komitees ISO/TC 20 „Luft- und Raumfahrzeuge“, das bisher mehr als 540 Normen entwickelt hat, auch zur Demokratisierung der Luftfahrt beigetragen. Zwar können wir nicht alle Astronauten sein, aber Millionen von Menschen haben bereits von Geschäftsmodellen des Inlandluftverkehrs und kostengünstigen Auslandsflügen profitiert. Ohne Normen, die die Sicherheit anheben und Produktions- sowie Wartungskosten senken, wäre das einfach unmöglich.

Parallel dazu werden wir uns immer mehr des systemischen Charakters der Welt, in der wir leben, bewusst. Positive Aspekte wie der Luftverkehr können negative Auswirkungen haben, zum Beispiel durch seinen Beitrag zum Anstieg der Treibhausgase und zum Verbrauch knapper werdender Energieressourcen.

Dr. Boris Aleshin
Credit: ASI prm

 

Auch bei der Bewältigung dieser Probleme unterstützt die ISO die internationale Gemeinschaft: durch die Validierungs- und Akkreditierungsnormen ISO 14064 und ISO 14065 zum Thema Treibhausgase, die künftige ISO 14067 zum CO2-Fußabdruck von Produkten sowie die kürzlich veröffentlichte ISO 50001 über das Energiemanagement. Die Luft- und Raumfahrtindustrie sind nur ein Beispiel für ISO-Normen in Aktion.

Ohne ISO-Normen stünden die Wirtschaft und der Welthandel vor erheblichen Hindernissen. Ohne Internationale Normen wäre Handel auf jeglicher Ebene – sei es mit einem Partner von der anderen Straßenseite oder der anderen Seite der Erdkugel – schwierig und effiziente Netze wären unmöglich, wodurch wiederum der Lebensstandard erheblich niedriger wäre.

Einige konkrete Beispiele sollen dies veranschaulichen:

Neunzig Prozent der weltweit beförderten Fracht wird in Containern transportiert, von denen Schätzungen zufolge rund 20 Millionen auf der ganzen Erde im Einsatz sind. Die Umstellung auf Container gemäß ISO-Normen hat die für die Beförderung zum Bestimmungsmarkt erforderliche Zeit um 84 % verkürzt und die Kosten um 35 % verringert.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und das Handelsministerium der USA schätzen einhellig, dass sich Normen und mit ihnen zusammenhängende Konformitätsbewertungen auf 80 % des weltweiten Warenhandels auswirken. So ist es nicht verwunderlich, dass die Welthandelsorganisation WTO ihre Mitglieder dazu anhält, Internationale Normen, wie sie von der ISO erarbeitet werden, anzuwenden, um technische Handelsschranken aufgrund von unterschiedlichen nationalen oder regionalen Normen zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang feiern wir morgen das 20jährige Bestehen des Vienna Agreement zwischen ISO und dem Europäischen Komitee für Normung CEN, mit dem die Europäische Union beschloss, nach Möglichkeit Internationale Normen als Grundlage für ihre harmonisierten Europäischen Normen zu nutzen.

Wenn Europäische Normen von Anfang an mit Internationalen Normen im Einklang stehen, ergeben sich größere Einsparungen und Chancen für Unternehmen, die ihre Produkte auf Exportmärkten außerhalb der Region anbieten wollen. Sie können allen Auslandskunden weltweit die gleiche Produktspezifikation anbieten. Gleichzeitig kommen europäische Kunden in den Genuss einer größeren Auswahl an Waren aus aller Welt, die auf kompatiblen Technologien basieren. Diese Überlegungen gelten für alle Regionen und alle Handelspartner, auch für Österreich und Russland.

Aus der Sicht der Handelspolitik schaffen Internationale Normen somit faire Rahmenbedingungen für alle Wettbewerber auf diesen Märkten, während unterschiedliche nationale oder regionale Normen technische Handelsschranken darstellen können. Internationale Normen sind also ein technisches Hilfsmittel zur praktischen Umsetzung von politischen Handelsabkommen.

Aus der Sicht staatlicher Stellen liefern Internationale Normen überdies auch die technischen und wissenschaftlichen Grundlagen zu Rechtsvorschriften in den Bereichen Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz und bieten den Vorteil, dass sie laufend aktualisiert und verbessert werden.

Zu guter Letzt möchte ich betonen, dass Österreich und Russland, die beide zu den Gründungsmitgliedern der ISO zählen, mit der Entscheidung für die gemeinsame Sprache der Internationalen ISO-Normen die richtige Wahl getroffen haben und so über ein solides Fundament für die weitere Verbesserung der bereits guten Handelsbeziehungen zu beiderseitigem Nutzen verfügen.